Ach, Europa !

Gregor Mayer

Man muss wieder nach Sarajevo fahren.  Jetzt, wo Europa  mit seiner vielleicht schwersten Krise ringt. Nach Sarajevo, das schon mehrmals die Sternwarte für das europäische Scheitern war. 1914, als hier Gavrilo Princip den österreichischen Thronfolger  erschoss. 1992, als Europa hilf- und ratlos zusah, wie Princips selbst ernannte serbische Erben von den Höhen des Trebević und der Bjelašnica die Stadt mit Tod und Vernichtung überzogen. Was liegt näher, als erneut die Teleskope von Sarajevo auf Europa zu richten? Auf ein Europa, dessen Bürger und Politiker angesichts der neuen Flüchtlingswanderungen der Panik anheim zu fallen scheinen?  Wo sich rechte Populisten, neue und alte Faschisten von der diffusen Angst vor den Fremden nähren?

Als Ausguck für die Europa-Schau diente dieser Tage das ehemalige österreichische Offizierskasino, später das Haus der Jugoslawischen Volksarmee und heute das Haus der bosnisch-herzegowinischen Armee. In einer Produktion  des Sarajevoer Theaterfestivals Scena MESS zeigte hier András Urbán, das  Regie-Energiebündel aus der  Vojvodina-Grenzstadt Subotica, seine neueste Arbeit mit dem Titel “What Is Europe?“. Sie basierte auf Motiven aus dem Buch „Sühne“ von László Végel,  auf der Bühne standen großartige bosnische Schauspieler.

Die Frage steht im Raum,  so wie auch die anderen immer wiederkehrenden Fragen dieser Aufführung: „What is Yugoslavia?“ –  ihr war Végel in seiner literarischen Vorlage nachgegangen  – und „What ist the end of the story?“ Keine trivialen Fragen. Urbán – zwei seiner früheren Aufführungen besprach ich hier in meinem Posting vom 2. Dezember letzten Jahres – und sein Ensemble stellen sie auf verstörende, aufrüttelnde, provozierende Weise.

Eigentlich ist es eine Kantate, ein punkiges Oratorium,  ein wenig im frühen Laibach-Stil, dennoch nicht ohne Poesie. Die sechs Schauspieler  – drei Männer und drei Frauen – singen und rocken mehr, als dass sie „schauspielern“. Noten und Arrangements stammen von der unendlich vielseitigen Komponistin  Irena Popović, die die Bühnenmusiken zu allen  relevanten Aufführungen geschrieben hat, die mir in letzter Zeit in serbischen Theatern untergekommen  sind.  Urbáns und Végels „What Is Europe?“ ist ein Rufzeichen, ein Notruf, eine verzweifelte Flaschenpost von der Peripherie Europas. Es ist der Aufschrei der Generation der 20- bis 40-Jährigen, hineingeboren in kriegerische Gewalt und in eine brutale Transformation vom „Realsozialismus“ zum globalen Kapitalismus. Für sie ist Jugoslawien eine verblasste Vergangenheit, Europa eine Zukunft, die sich für sie möglicherweise nie erfüllen wird, beides irgendwie mythische Topoi. Über die Gegenwart brauchen wir nicht zu reden. Wo gehören wir hin? „What is the end of the story?“ Nobody knows…

Wie Inseln ragen aus dem Meer des krachenden, tosenden Sounds die gespielten Szenen. Sechs Plastikstühle, wir sitzen im Autobus von Balkanien nach Berlin. Gastarbeiter, Verwandtenbesucher, Migrant/inn/en. Bald wird gestritten, dass die Fetzen fliegen. Wer war schuld am Krieg, wer hatte mehr Opfer, wer hat wen „genozidiert“. Ankunft in Berlin: plötzlich sprechen die selben Reisenden deutsch, sind extrem freundlich zueinander, bieten einander Hilfe an. Die zivilisatorische Kraft des Faktischen, sie überschreibt das ewige Gerede von der ge-/misslungenen Integration. Es ist einer der ganz starken, aus präziser  Beobachtung geborenen und meisterhaft kondensierten Texte aus Végels „Sühne“.

Paradigmatische, manchmal überhöhte, ins Albtraumhafte übersteigerte Situationen sind die Bausteine dieses „Kriegsrituals“ (ratni obred), wie es der Untertitel der Aufführung ankündigt. Das Flüchtlingsmädchen Dženana wird mechanisch, quasi von einer Bürokratie-Maschine, nach ihren Personalien befragt. Der Vorgang ist unangenehm, intrusiv, entwürdigend.  Dženana rastet aus, schreit „Do you want to see a Bosnian bitch?“, entblößt ihre Brüste, schreibt mit rotem Filzstift den Schriftzug „B-H“ (für Bosnien-Herzegowina) auf ihren Oberkörper.  In einer anderen Szene demonstriert eine Akteurin die „europa-konforme“ Schlachtung eines Schweines mit dem Bolzenschussapparat. Es entladen sich terroristische Gewalt-Fantasien mit dem roten Matsch aufgeplatzter Granatäpfel. Eine Frau in der Burka singt davon, wie sie alles, was Europa zu bieten hat („deine Bücher, deine Menschenrechte“), haben will und es zugleich hasst. Slavoj  Žižek äußerte sich neulich über die Täter der Kölner Silvesternacht: „Sie sind gefangen in einer Haltung aus Neid und Hass. Ein Hass, der nichts anderes ist als der Ausdruck einer unterdrückten Sehnsucht nach einem guten Leben im Westen.“

Die düsteren Visionen leiten über zur Rebellion der Nachzügler und Zuzügler aus der Peripherie, zu den „European negros“.  „Ich bin der Schwarze, der eure Sozialhilfe nimmt, … der euch eure Jobs wegnimmt, … der die Bomben legt“, singen sie am Ende. „Fickt die Demokratie! Fickt das Heilige Römische Reich! Fickt die Scharia! … Fickt eure Zäune und Grenzen! … Europa gehört mir!  Es ist schwarz und stolz!“  Tosender Applaus, stehende Ovationen im ehemaligen k.u.k.-Kasino, in der Stadt, in der … eh schon wissen. Europa sieht sich Herausforderungen gegenüber, von denen es bislang keine Ahnung hatte. Und es  wird sich dabei verändern. Denn so ist der Lauf der Dinge.

„What is  Europe? Ratni obred“  von András Urbán nach Motiven von László Végel. Premiere: 31. Jänner 2016,  Sarajevo, Haus der Armee von Bosnien-Herzegowina (als Produktion von Scena Mess).

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Gregor Mayer

 

 

Man muss wieder nach Sarajevo fahren.  Jetzt, wo Europa  mit seiner vielleicht schwersten Krise ringt. Nach Sarajevo, das schon mehrmals die Sternwarte für das europäische Scheitern war. 1914, als hier Gavrilo Princip den österreichischen Thronfolger  erschoss. 1992, als Europa hilf- und ratlos zusah, wie Princips selbst ernannte serbische Erben von den Höhen des Trebević und der Bjelašnica die Stadt mit Tod und Vernichtung überzogen. Was liegt näher, als erneut die Teleskope von Sarajevo auf Europa zu richten? Auf ein Europa, dessen Bürger und Politiker angesichts der neuen Flüchtlingswanderungen der Panik anheim zu fallen scheinen?  Wo sich rechte Populisten, neue und alte Faschisten von der diffusen Angst vor den Fremden nähren?

Als Ausguck für die Europa-Schau diente dieser Tage das ehemalige österreichische Offizierskasino, später das Haus der Jugoslawischen Volksarmee und heute das Haus der bosnisch-herzegowinischen Armee. In einer Produktion  des Sarajevoer Theaterfestivals Scena MESS zeigte hier András Urbán, das  Regie-Energiebündel aus der  Vojvodina-Grenzstadt Subotica, seine neueste Arbeit mit dem Titel “What Is Europe?“. Sie basierte auf Motiven aus dem Buch „Sühne“ von László Végel,  auf der Bühne standen großartige bosnische Schauspieler.

Die Frage steht im Raum,  so wie auch die anderen immer wiederkehrenden Fragen dieser Aufführung: „What is Yugoslavia?“ –  ihr war Végel in seiner literarischen Vorlage nachgegangen  – und „What ist the end of the story?“ Keine trivialen Fragen. Urbán – zwei seiner früheren Aufführungen besprach ich hier in meinem Posting vom 2. Dezember letzten Jahres – und sein Ensemble stellen sie auf verstörende, aufrüttelnde, provozierende Weise.

Eigentlich ist es eine Kantate, ein punkiges Oratorium,  ein wenig im frühen Laibach-Stil, dennoch nicht ohne Poesie. Die sechs Schauspieler  – drei Männer und drei Frauen – singen und rocken mehr, als dass sie „schauspielern“. Noten und Arrangements stammen von der unendlich vielseitigen Komponistin  Irena Popović, die die Bühnenmusiken zu allen  relevanten Aufführungen geschrieben hat, die mir in letzter Zeit in serbischen Theatern untergekommen  sind.  Urbáns und Végels „What Is Europe?“ ist ein Rufzeichen, ein Notruf, eine verzweifelte Flaschenpost von der Peripherie Europas. Es ist der Aufschrei der Generation der 20- bis 40-Jährigen, hineingeboren in kriegerische Gewalt und in eine brutale Transformation vom „Realsozialismus“ zum globalen Kapitalismus. Für sie ist Jugoslawien eine verblasste Vergangenheit, Europa eine Zukunft, die sich für sie möglicherweise nie erfüllen wird, beides irgendwie mythische Topoi. Über die Gegenwart brauchen wir nicht zu reden. Wo gehören wir hin? „What is the end of the story?“ Nobody knows…

Wie Inseln ragen aus dem Meer des krachenden, tosenden Sounds die gespielten Szenen. Sechs Plastikstühle, wir sitzen im Autobus von Balkanien nach Berlin. Gastarbeiter, Verwandtenbesucher, Migrant/inn/en. Bald wird gestritten, dass die Fetzen fliegen. Wer war schuld am Krieg, wer hatte mehr Opfer, wer hat wen „genozidiert“. Ankunft in Berlin: plötzlich sprechen die selben Reisenden deutsch, sind extrem freundlich zueinander, bieten einander Hilfe an. Die zivilisatorische Kraft des Faktischen, sie überschreibt das ewige Gerede von der ge-/misslungenen Integration. Es ist einer der ganz starken, aus präziser  Beobachtung geborenen und meisterhaft kondensierten Texte aus Végels „Sühne“.

Paradigmatische, manchmal überhöhte, ins Albtraumhafte übersteigerte Situationen sind die Bausteine dieses „Kriegsrituals“ (ratni obred), wie es der Untertitel der Aufführung ankündigt. Das Flüchtlingsmädchen Dženana wird mechanisch, quasi von einer Bürokratie-Maschine, nach ihren Personalien befragt. Der Vorgang ist unangenehm, intrusiv, entwürdigend.  Dženana rastet aus, schreit „Do you want to see a Bosnian bitch?“, entblößt ihre Brüste, schreibt mit rotem Filzstift den Schriftzug „B-H“ (für Bosnien-Herzegowina) auf ihren Oberkörper.  In einer anderen Szene demonstriert eine Akteurin die „europa-konforme“ Schlachtung eines Schweines mit dem Bolzenschussapparat. Es entladen sich terroristische Gewalt-Fantasien mit dem roten Matsch aufgeplatzter Granatäpfel. Eine Frau in der Burka singt davon, wie sie alles, was Europa zu bieten hat („deine Bücher, deine Menschenrechte“), haben will und es zugleich hasst. Slavoj  Žižek äußerte sich neulich über die Täter der Kölner Silvesternacht: „Sie sind gefangen in einer Haltung aus Neid und Hass. Ein Hass, der nichts anderes ist als der Ausdruck einer unterdrückten Sehnsucht nach einem guten Leben im Westen.“

Die düsteren Visionen leiten über zur Rebellion der Nachzügler und Zuzügler aus der Peripherie, zu den „European negros“.  „Ich bin der Schwarze, der eure Sozialhilfe nimmt, … der euch eure Jobs wegnimmt, … der die Bomben legt“, singen sie am Ende. „Fickt die Demokratie! Fickt das Heilige Römische Reich! Fickt die Scharia! … Fickt eure Zäune und Grenzen! … Europa gehört mir!  Es ist schwarz und stolz!“  Tosender Applaus, stehende Ovationen im ehemaligen k.u.k.-Kasino, in der Stadt, in der … eh schon wissen. Europa sieht sich Herausforderungen gegenüber, von denen es bislang keine Ahnung hatte. Und es  wird sich dabei verändern. Denn so ist der Lauf der Dinge.

„What is  Europe? Ratni obred“  von András Urbán nach Motiven von László Végel. Premiere: 31. Jänner 2016,  Sarajevo, Haus der Armee von Bosnien-Herzegowina (als Produktion von Scena Mess).

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