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KRITIK
30.01.2013 · 11:33 Uhr
Uwe Stolzmann: Fahrtenbuch der Sühne.

László Végel: „Sühne. Texte unterwegs“, Roman, Matthes & Seitz, Berlin 2012, 189 Seiten

Der ungarische Autor László Végel hat eine Art Fahrtenbuch verfasst, das ihn als Reisenden durch Europa zeigt, auf der Suche nach einem lebenswerten Ort. Das Leitmotiv des Büchleins ist Sühne und die Frage, was gesühnt werden muss. Dabei geht er mit sich selbst hart ins Gericht – und mit Berlin.

Er stammt aus engen Verhältnissen: der ungarische Erzähler László Végel, geboren 1941 in der Vojvodina. Die Region, heute ein Teil Serbiens, war Zankapfel, Kriegsbeute, Schauplatz von Massakern, sie ist ein Hort nationalistisch-provinziellen Wahns.

Végel hingegen, ein scharfzüngiger Autor, mag die Weite, er träumt von einem weltoffenen Europa. Erst spät begann er zu reisen. Seit Mitte der Achtziger war Végel mehrfach in Berlin, der Westteil strahlte „wie blitzsaubere Zimmer in hübschen kleinen Einfamilienhäusern“. 2006 hat er ein Jahr in der Stadt gelebt.

Végels jüngstes Werk ist eine Art Fahrtenbuch. Es zeigt den Reisenden bei der Annäherung an den Kontinent der Träume, es zeigt ihn zunehmend skeptisch, sarkastisch, und auf ungewohnt selbstkritische Art erkundet der Ungar die eigene Biographie.

„Sühne“ – der Titel des Buchs – ist das Leitmotiv. Was muss gesühnt werden, nach Végels Meinung? Zum einen die private Vergangenheit, die Sozialisierung in Jugoslawien. Auswuchs der Monarchie sei das Land gewesen, ein samtener Gulag. Der Autor sieht sich als Komplizen des Systems, „es bestimmte dich stets, selbst dann, wenn du ihm die Stirn botest“. Ein Oppositioneller will er gewesen sein? Spielzeug der Macht war er, vorgeblich, „nichts spricht dich frei“.

Sühne: Danach verlangten auch die Zustände auf dem Balkan, in „Barbaricum“, wie Végel die Gegend nennt. Schuld an der Barbarei sei der Größenwahn, der Opportunismus einheimischer Politiker, tödlicher Clowns, „die nun auf die Fahnen spucken, die sie zuvor noch inbrünstig geschwenkt haben“.

Schuld seien auch die gierigen, kriegsgläubigen Großmächte. „Der zivilisierte Westen als Sieger über seine schlafsüchtigen Randgebiete“ – so sieht der Verfasser das Verhältnis.

In Berlin findet Végel immer wieder Zeit, das schwierige Verhältnis zu überdenken. Berlin entzückt und enttäuscht den Flaneur, hier überkommt ihn das Heimweh eines Heimatlosen. Der Europa-Sucher fühlt sich als Paria, „Europas Bastard“. „In Berlin begreifst du, du bist nicht willkommen. Bist ein Eindringling, einer aus dem Randgebiet, halte dich vom Zentrum fern, so lautet die Losung.“

Sühne: In Végels Augen verlangt auch Berlin danach, Wahrzeichen der Weltenteilung. Der Reisende fährt S-Bahn, Potsdamer Platz, Unter den Linden, Nordbahnhof, der Zug rast durch Geisterbahnhöfe, „in den dunklen Fluren huschen Schatten vorbei, du denkst, es seien Soldaten“.

Irgendwann spät in einem Deutschkurs hat Végel das Wort Sühnen zum ersten Mal gehört. „Sühne“ sei das deutsche Geheimnis, sagt er nun. „Und auch mein eigenes. Unseres. Unser Geheimnis ist die Sühne.“

Das kleine Buch ist eine Klageschrift voll Bitterkeit und Selbsthass, ein Text von großer Sprachgewalt. Végel erzählt und reflektiert, beides auf bestechende Weise. Plötzlich überrascht er mit Szenen von sardonischer Heiterkeit, und immer wieder hält er seinen Lesern den Spiegel vor.

So also fühlt sich ein Reisender aus den Randgebieten unter uns, den „eingeborenen Europäern“: ausgestoßen.

Besprochen von Uwe Stolzmann

László Végel: Sühne. Texte unterwegs
Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer
Matthes & Seitz, Berlin 2012,
189 Seiten17,90 Euro.