László Végel

Exterritorium – Szenen vom Ende des Jahrtausends

Von: Jörg Plath

Arte TV 17.01.2008

1999: Die Nato bombardiert Serbien, um die Gewalt im Kosovo zu beenden. László Végel lebt im Norden des Landes und gerät als Angehöriger der ungarischen Minderheit in Gefahr. Denn seine Nachbarn verfallen dem nationalistischen Wahn. „Exterritorium“ ist ein essayistisches Kriegstagebuch aus dem Innern des Schreckens.

Am 10. Juni 1999 besiegt Serbien die Nato. Die übrige Welt mag das anders sehen, aber Serbien ist stets im Besitz der Wahrheit, und so feiert das Land mit Feuerwerk und Maschinengewehrsalven. Der Erzähler von László Végels „Exterritorium“ feiert nicht mit. Er steht im Garten seines Hauses in der nordjugoslawischen Vojvodina und vor den Trümmern seines Lebens. Sein Notbedarf, das weiß er nach 80 Tagen Krieg, in denen sich der Angehörige der ungarischen Minderheit mit seiner Frau in neun verschiedenen Wohnungen versteckt gehalten hat, findet in einer kleinen Tasche Platz. Der Rest ist Plunder. „In diesem Krieg ging es um deine Erinnerungen, deine Erfahrungen, dein Leben, er hatte deine Erfahrungen getötet. Er hatte dich ganz und gar entmündigt, dir blieb keine Zeit, und doch musstest du dein Leben von vorn beginnen…“

László Végel hat Romane, Erzählungen und Essays verfasst, war Dramatiker beim Fernsehen der ungarischen Minderheit im nordjugoslawischen Novi Sad und Angestellter der nordamerikanischen Soros-Stiftung, die in ganz Osteuropa demokratische Entwicklungen fördert. In der Vojvodina erlebte er mit seiner Frau die Luftangriffe der Nato auf Serbien vom 24. März bis zum 10. Juni 1999, die die Gewalt des serbischen Militärs und der Sonderpolizei im Kosovo beenden sollten. Als Intellektueller beginnt er sein neues Leben schreibend: In „Exterritorium. Szenen vom Ende des Jahrtausends“ gewinnt Végel die verlorene Zeit des Krieges zurück. Die essayistischen Aufzeichnungen sind eine so scharfsinnige wie beängstigende tour de force durch den nationalistischen Wahnsinn.

Spiegel Kosovo

Nicht nur die Autonomie des Kosovo, auch die der Vojvodina wird 1989 annulliert. In der folgenden „systematischen ethnischen Säuberung“ verlieren Tausende von Kosovoalbanern und ungarischstämmigen Vojvodinern ihre Arbeit in Behörden, Hochschulen, Schulen und Medien. Doch kaum jemand protestiert. Es gehe schließlich um die Nation, heißt es, sie stehe höher als partikulare ethnische Fragen. Im Namen der Nation wird dann im Kosovo gemordet, und Végel fürchtet für seine vergleichsweise ruhige Heimat.
In der Vojvodina nehmen die Spannungen zu, als die Bomben der Nato fallen. Man zerstört albanische Läden und jagt ihre Besitzer durch die Straßen. Ungarn werden beschimpft. Die Serben beäugen Végels Erzähler misstrauisch, weil er nicht wie alle anderen das „Target“-Abzeichen trägt. Freunde wenden sich auf der Straße ab, manche nennen ihn nun einen „ungarischen Autor“. Als er mit dem Handy telefoniert, verdächtigt ihn die Polizei, ein Ortungsgerät der Nato zu besitzen. Wenn das Fernsehen den Abschuss eines Nato-Bombers meldet, bricht eine begeisterte Meute auf, um den Piloten zu finden und zu verprügeln. Der Alltag bekommt Züge des Irrsinns.

Der Gulag in Den Haag

Die Menschen beginnen in zwei Welten zu leben, in der der Phantasie und der der Erfahrung. Die Phantasie siegt: Ungeachtet der täglichen Versorgungsschwierigkeiten und des zunehmenden Elends sprechen die Serben begeistert vom sicheren Sieg. Bald ist das Kosovo vergessen: Die „faschistische“ Nato, so glaubt man, führt aus Hass auf Serbien Krieg. Damit wird die Identifikation total und der Nationalismus, so Végels Erzähler, zu einem „inneren, persönlichen Erlebnis“.
Jeder Krieg ist Gift für den Pluralismus, doch der serbische Nationalismus scheint in erschreckendem Ausmaß totalitär zu sein: Auch die so genannte Opposition stimmt ein in ihn. Selbst Menschenrechtsaktivisten wollen von Minderheitenrechten nichts hören und lehnen die Auslieferung von Kriegsverbrechern an den Internationalen Gerichtshof ab: „Ach, so niederträchtig sind sie auch wieder nicht, dass man in Den Haag, in jener stalinistischen Hölle, über sie richten sollte. Was würde das Volk dazu sagen?“

Französische Froschfresser

Keine Norm, kein Ideal, sondern das serbische Volk gilt als höchster Wert. Von seiner Unschuld ist jedermann überzeugt. Serben hätten anderen nie Schaden zugefügt und ihren Feinden, ob Ungarn, Albanern oder Türken, stets großzügig verziehen und sie auch noch beschenkt. „Du nahmst es zur Kenntnis“, kommentiert Végels Erzähler bitter: „Nur mit dem Finger am Abzug konnte man unschuldig sein.“ Das sentimentale Opfergefühl schlägt oft in grenzenlose Aggressivität um: man will endlich sein Recht bekommen. Ganz allein kämpft das unbesiegbare Serbien „für das Überleben Europas“ gegen die verweichlichten „Froschfresser“ Frankreichs, die sexbesessenen Amerikaner, die geldgierigen Griechen und Italiener.

Die Massengräber der Vergangenheit und der Gegenwart

„Exterritorium“ erlaubt dem Leser seltene Einsichten, weil es Stimmen aller Art verzeichnet: hetzende, wütende, drohende, erschöpfte, entsetzte, ängstliche. In ihm skandiert der Mob „Sollen sie nur kommen, die Mörder!“, und Végels Erzähler kommentiert knapp: „Das waren die erhabenen, leidenschaftlich heldenhaften Zeiten.“ Dann wechselt er wieder die Wohnung, besucht seine Mutter und hört sie zum ersten Mal von Massengräbern sprechen, in denen die jugoslawischen Kommunisten nach dem zweiten Weltkrieg Angehörige der ungarischen Minderheit verscharrten. Er weiß, dass sie sich erinnert, weil ebensolche Massengräber nun im Kosovo ausgehoben werden: „Deine im Garten hackende, jätende Mutter wusste, wovon die Gesellschaft angeblich keine Ahnung hatte.“
Végels Erzähler bleibt in der Vojvodina, aber die Heimat hat er verloren. Die Freunde sind geflohen, in ihren Häusern wohnen serbische Flüchtlinge aus Kroatien oder Bosnien. Die Menschen gehen im siegestrunkenen Alltag, in der kollektiven Geschichte auf. Der Erzähler aber, in dem unschwer der Autor zu erkennen ist, und seine Frau sind Fremde geworden. Sie können jetzt den Garten bestellen. Oder Bücher wie dieses schreiben, die von einer unerträglichen Einsamkeit erzählen.

Von Jörg Plath


Am nächsten Donnerstag, den 24.01.2008, bespricht Ariane Thomalla „Die Geschichte der Juden in Deutschland“ von Arno Herzig und Cay Rademacher