Literaturhaus München
Schriftsteller sind Einzelgänger. Kämen mehr als zwei am selben Ort zusammen, so meinte Bora ±osi’ letzten Samstag in München, dann sei »etwas nicht in Ordnung«. ±osi’ war als einer von zehn Autoren und Publizisten aus dem ehemaligen Jugoslawien ins Münchner Literaturhaus eingeladen, um über weiter leben, weiter schreiben zu sprechen: über die Rolle der Literatur in den jungen, kriegsversehrten Balkanstaaten.Literaturhaus München
Schriftsteller sind Einzelgänger. Kämen mehr als zwei am selben Ort zusammen, so meinte Bora ±osi’ letzten Samstag in München, dann sei »etwas nicht in Ordnung«. ±osi’ war als einer von zehn Autoren und Publizisten aus dem ehemaligen Jugoslawien ins Münchner Literaturhaus eingeladen, um über weiter leben, weiter schreiben zu sprechen: über die Rolle der Literatur in den jungen, kriegsversehrten Balkanstaaten. Doch fühlte man sich als Zuhörer bald ein wenig wie ein Zaungast: Die Simultanübersetzung war für das deutsche Publikum, die Eingeladenen verstanden sich auf Serbokroatisch ohnehin, deutsch sprachen sie meistens auch. Anlass der Tagung war der zehnte Jahrestag des Massakers von Srebrenica, wo im Juli 1995 über 7500 muslimische Bosnier von bosnisch−serbische Truppen umgebracht wurden.
Angesichts des schlimmsten Massenmordes in Europa seit 1945 muss man nicht weiter fragen, was »nicht in Ordnung« war. Auf der Luftlinie liegt München in der Mitte zwischen Den Haag (wo das Srebrenica−Tribunal tagt) und Belgrad (wo das Verbrechen vielleicht geplant wurde), aber symbolisch trafen sich die Intellektuellen hier in einer exterritorialen, emigrativen Kapsel, während der Mörder Ratko Mladi’ sich in Serbien frei bewegt. Ein Verkehrung, von vornherein.(…)
Überhaupt: Was hat Srebrenica mit Literatur zu tun? Viel wurde nach Politik

Überhaupt: Was hat Srebrenica mit Literatur zu tun? Viel wurde nach Politik und Geschichte gefragt, und,
erstaunlich, die Literaten verweigerten nie die Zuständigkeit. Weil es anders gar keine Diskussion gibt, weil,
so der Verleger Nenad Popovi’, mangels politischer oder wissenschaftlicher Tradition die Literatur das
wichtigste geistige Reservoir des Balkan ist. So sprach man über die seelischen Verwüstungen nicht nur durch
Srebrenica, sondern durch die alte »Kultur der Massengräber«, eine Unkultur, die seit langem den Boden der
Balkanstaaten vergifte, wie der beeindruckende Lásló Végel erklärte. Umso erstaunlicher bei der monströs
ausgreifenden Thematik war deshalb, dass sich die Diskussion im Lauf der beiden Tage immer enger ums
eigentlich Literarische drehte: um die Erkundung der feinsten Verzweigungen des Menschlichen mittels der
Sprache, um die größtmögliche Differenzierung der Welt  als Gegengift zur tödlichen Einfachheit der
Ideologie.

Wilhelm Trapp, Die Zeit, 2005/29 Literaturhaus München
Schriftsteller sind Einzelgänger. Kämen mehr als zwei am selben Ort zusammen, so meinte Bora ±osi’ letzten Samstag in München, dann sei »etwas nicht in Ordnung«. ±osi’ war als einer von zehn Autoren und Publizisten aus dem ehemaligen Jugoslawien ins Münchner Literaturhaus eingeladen, um über weiter leben, weiter schreiben zu sprechen: über die Rolle der Literatur in den jungen, kriegsversehrten Balkanstaaten.
Doch fühlte man sich als Zuhörer bald ein wenig wie ein Zaungast: Die Simultanübersetzung war für das deutsche Publikum, die Eingeladenen verstanden sich auf Serbokroatisch ohnehin, deutsch sprachen sie meistens auch. Anlass der Tagung war der zehnte Jahrestag des Massakers von Srebrenica, wo im Juli 1995 über 7500 muslimische Bosnier von bosnisch−serbische Truppen umgebracht wurden.
Angesichts des schlimmsten Massenmordes in Europa seit 1945 muss man nicht weiter fragen, was »nicht in Ordnung« war. Auf der Luftlinie liegt München in der Mitte zwischen Den Haag (wo das Srebrenica−Tribunal tagt) und Belgrad (wo das Verbrechen vielleicht geplant wurde), aber symbolisch trafen sich die Intellektuellen hier in einer exterritorialen, emigrativen Kapsel, während der Mörder Ratko Mladi’ sich in Serbien frei bewegt. Ein Verkehrung, von vornherein.(…)
Überhaupt: Was hat Srebrenica mit Literatur zu tun? Viel wurde nach Politik

Überhaupt: Was hat Srebrenica mit Literatur zu tun? Viel wurde nach Politik und Geschichte gefragt, und,
erstaunlich, die Literaten verweigerten nie die Zuständigkeit. Weil es anders gar keine Diskussion gibt, weil,
so der Verleger Nenad Popovi’, mangels politischer oder wissenschaftlicher Tradition die Literatur das
wichtigste geistige Reservoir des Balkan ist. So sprach man über die seelischen Verwüstungen nicht nur durch
Srebrenica, sondern durch die alte »Kultur der Massengräber«, eine Unkultur, die seit langem den Boden der
Balkanstaaten vergifte, wie der beeindruckende Lásló Végel erklärte. Umso erstaunlicher bei der monströs
ausgreifenden Thematik war deshalb, dass sich die Diskussion im Lauf der beiden Tage immer enger ums
eigentlich Literarische drehte: um die Erkundung der feinsten Verzweigungen des Menschlichen mittels der
Sprache, um die größtmögliche Differenzierung der Welt  als Gegengift zur tödlichen Einfachheit der
Ideologie.

Wilhelm Trapp, Die Zeit, 2005/29
Doch fühlte man sich als Zuhörer bald ein wenig wie ein Zaungast: Die Simultanübersetzung war für das deutsche Publikum, die Eingeladenen verstanden sich auf Serbokroatisch ohnehin, deutsch sprachen sie meistens auch. Anlass der Tagung war der zehnte Jahrestag des Massakers von Srebrenica, wo im Juli 1995 über 7500 muslimische Bosnier von bosnisch−serbische Truppen umgebracht wurden.
Angesichts des schlimmsten Massenmordes in Europa seit 1945 muss man nicht weiter fragen, was »nicht in Ordnung« war. Auf der Luftlinie liegt München in der Mitte zwischen Den Haag (wo das Srebrenica−Tribunal tagt) und Belgrad (wo das Verbrechen vielleicht geplant wurde), aber symbolisch trafen sich die Intellektuellen hier in einer exterritorialen, emigrativen Kapsel, während der Mörder Ratko Mladi’ sich in Serbien frei bewegt. Ein Verkehrung, von vornherein.(…)
Überhaupt: Was hat Srebrenica mit Literatur zu tun? Viel wurde nach Politik

Überhaupt: Was hat Srebrenica mit Literatur zu tun? Viel wurde nach Politik und Geschichte gefragt, und,
erstaunlich, die Literaten verweigerten nie die Zuständigkeit. Weil es anders gar keine Diskussion gibt, weil,
so der Verleger Nenad Popovi’, mangels politischer oder wissenschaftlicher Tradition die Literatur das
wichtigste geistige Reservoir des Balkan ist. So sprach man über die seelischen Verwüstungen nicht nur durch
Srebrenica, sondern durch die alte »Kultur der Massengräber«, eine Unkultur, die seit langem den Boden der
Balkanstaaten vergifte, wie der beeindruckende Lásló Végel erklärte. Umso erstaunlicher bei der monströs
ausgreifenden Thematik war deshalb, dass sich die Diskussion im Lauf der beiden Tage immer enger ums
eigentlich Literarische drehte: um die Erkundung der feinsten Verzweigungen des Menschlichen mittels der
Sprache, um die größtmögliche Differenzierung der Welt  als Gegengift zur tödlichen Einfachheit der
Ideologie.

Wilhelm Trapp, Die Zeit, 2005/29